Pikachu, Titelbild, Warum wir gerade alle am Bachelor of Pokémon arbeiten

„Ich will der Allerbeste sein, 
wie keiner vor mir war. 
Ganz allein fang ich sie mir, 
ich kenne die Gefahr.“

Seit gestern hat sich das Stadtbild irgendwie verändert. Dort, wo früher alle nur vorbeigelaufen sind, stehen plötzlich Menschen und überhaupt kommt es einem so vor, als seien die Straßen voller. Der Grund dafür heißt Pokémon Go und ist der neuste Geniestreich von Nintendo und Co.

Was ist Pokémon Go?

Das Spiel ist schnell erklärt: Ist die App geöffnet, wird die echte Welt zur Spielkarte und der Spieler zum Pokémon-Trainer. Beim Laufen durch die Umgebung – durch die echte Welt – tauchen Pokémon, Arenen und sogenannte Poké-Stops auf, mit denen es zu interagieren gilt. Besonders witzig wird das Ganze durch eine geteilte Spielwelt, hat ein anderer Spieler einen Poké-Stop besucht, muss ich erst einmal warten und die Darstellung von Pokémon in der „echten Welt“ via Augmented Reality.

Das Spiel, wie man unweigerlich sehen kann, hat ein großes Suchtpotenzial. In den USA spielen aktuell über 20 Millionen Spieler jeden Tag. Nach nur 13 Stunden war Pokémon GO die ertragsreichste App im App-Store. Doch jetzt zur spannenden Frage: Warum? Warum löst ein im Kern so einfaches Spiel einen solchen Hype aus?

Die offensichtliche Antwort

Die offensichtliche Antwort lautet schlicht und einfach: Es ist Pokémon! Seit 1995/96 Pokémon das Licht der Welt erblickt hat, hat sich an der Anziehungskraft nur wenig verändert. Die ersten Spiele – die geliebte Rote/Blaue Edition – waren einen Mega-Erfolg und haben den Weg für mehrere Filme, Serien, Spiele, ein Trading-Card-Game und alle erdenklichen Merchandise Produkte gelegt.

Wir, die damals, je nach Alter, Blau/Rot oder Silber/Gold spielten, haben doch im Herzen niemals aufgehört, Pokémon zu lieben. In der Folge ist es nicht verwunderlich, dass wir bereitwillig den Gameboy Color und die Couch gegen das Smartphone und einen Spaziergang eintauschen – man wird ja auch erwachsen.

Dieselbe Spielmechanik und Welt, die uns damals verzaubert hat, verzauberte in den letzten 15 bis 20 Jahren aber auch die nachfolgenden Generationen, wir haben es nur nicht unbedingt mitbekommen. Zwischenzeitlich gibt es über 700 Pokémon und alleine in der „Main Series“ sind seit Blau/Rot sechs Generationen an Spielen erschienen.

Wir alle, die nostalgischen ‚Alten‘ als auch die Jungen, sind gefesselt von der Spielwelt, von der Idee Jagd auf Pokémon zu machen, vom Spaß am Sammeln. Die Übertragung des Ganzen in die Echte Welt macht es nur noch spannender!

Die akademische Antwort

Für diejenigen, die die obige Antwort für zu pathetisch halten, gibt es eine solide zweite. Folgt man der Arbeit von Richard Bartle und Erwin Andreasen (et al.), die zwischenzeitlich Klassiker sind, stellt man fest, dass Spieler von Computerspielen generell in vier Klassen einzuordnen sind. An dieser Stelle könnte es lustig sein, selbst einmal einen „Bartle-Test“ zu machen und dann weiterzulesen…

Bartle Test
  • Achiever haben das Ziel, in einem Spiel möglichst viel zu erreichen und alle vergebenden Ziele (Achievements, Level, Highscores, etc.) zu erfüllen und zu optimieren.
  • Explorer hingegen interessieren sich vor allem dafür, die Spielwelt zu erkunden, das Spiel zu durchschauen und möglichst viel Wissen anzuhäufen. Konkrete Spielziele sind für sie oft von untergeordneter Priorität – sie haben auch Spaß daran, einfach stundenlang zu erkunden.
  • Socializer spielen Computerspiele der Kontakte wegen. Sie haben Spaß an der Interaktion mit anderen Spielern aber auch mit der Spielwelt selbst.
  • Killer spielen vor allem des Wettbewerbs wegen. Sie ziehen ihre Spielfreude aus dem Konflikt mit anderen und aus dem Wettbewerb.

Natürlich gibt es Mischtypen und auch bestimmte Muster zwischen den Typen. Achiever sind oft auf Explorer und deren Wissen angewiesen, Killer haben wenig zu tun, wenn es keine Socializer und Achiever gibt, die am Wettbewerb teilnehmen. Gleichzeitig stehen Killer den Explorern oft im Weg, da diese ungestört das Spiel erkunden wollen. Das Problem: Überwiegt eine bestimmte Spielgruppe kann dies andere Spiele aus dem Spiel drängen. Möchte man also ein möglichst erfolgreiches Spiel kreieren, muss man es schaffen, möglichst viele Typen von Spielern anzusprechen, aber verhindern, dass diese sich gegenseitig den Spielspaß nehmen.

An dieser Stelle kommt Pokémon Go wieder ins Spiel. Die Macher haben es geschafft, so sieht es zumindest aus, ein Spiel zu schaffen, dass für alle Gruppen echten Mehrwert zu bieten hat. Für die Explorer ist Pokémon Go natürlich besonders spannend – sie erkunden die echte Welt! Achiever hatten mit Pokémon schon immer ihren Spaß: Alle Pokémon finden und fangen, alle Kämpfe gewinnen, alle Achievements sammeln und alle Poké-Stops besuchen. Für Sozializer bietet Pokémon Go natürlich ganz neue Möglichkeiten: Das Spielkonzept zwingt die Spieler fast dazu, aufeinander zu treffen. Während die Interaktion nicht zwingend passieren muss, liegt es doch auf der Hand, mit anderen Spielern ins Gespräch zu kommen. Die Idee, die Spieler in drei Teams zu teilen, die gemeinsam um Arenen kämpfen, spricht die Gruppe der Socializer natürlich ebenfalls an. Nur für die Killer ist Pokémon Go etwas enttäuschen: Kämpfe finden nur in und um Arenen statt, nicht zwischen den Spielern selbst. Die Entscheidung, Player-vs-Player Kämpfe aus dem Spiel zu nehmen, ist aber natürlich nachvollziehbar, insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass man dem potenziellen Killer nachts auf der Straße begegnet.

Pokémon Go schafft es nicht nur, das altbewährte Konzept beizubehalten, sondern verstärkt die Effekte durch die Übertragung in die echte Welt. Es gibt mehr für den Spieler Relevantes zu erforschen, es gibt sozial wirklich relevante Interaktionen und es gibt Achievements, die tatsächlich einen positiven Einfluss auf das Leben haben können – zum Beispiel eine bestimmte Distanz zurückgelegt zu haben.

Dieser letzte Punkt ist überdies nicht zu verachten: Pokémon Go hat das geschafft, was Fitness-Apps seit Jahren versuchen – die Menschen gehen auf die Straße. In dieser Hinsicht hat Pokémon Go es also außerdem geschafft, Computerspiele mit der gegenwärtigen Gesundheitsbewegung zu vereinen und Eltern (und uns) einen Grund gegeben, das Spiel ohne schlechtes Gewissen spielen zu können.

Too Long; Didn’t Read

Möchte man den Erfolg von Pokémon Go in aller Kürze zusammenfassen, kommen besonders drei Faktoren in den Kopf:

  • Phänomen

    Pokémon ist und war ein ganz besonderes Phänomen, an dem wir alle irgendwie hängen.

  • Spielertypen

    Pokémon Go spricht in besonderer Art und Weise alle Spielertypen an und verstärkt die eigene Anziehungskraft durch die Einbindung der Realität

  • Gegenwart

    Pokémon Go passt in unsere Zeit und in unsere Normvorstellungen. Wir müssen uns nicht schlecht dabei fühlen, stundenlang auf Pokémon-Jagd zu gehen – es ist ja so ein bisschen etwas wie Sport.