versagensangst

Studenten haben das beste Leben – sie stehen erst um 10 Uhr auf, haben so viel Freizeit, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich machen sollen, feiern jedes Wochenende und müssen sich über nichts Sorgen machen. Und trotzdem haben sie den Nerv, sich über das harte Studentenleben zu beschweren?! Zurecht. Denn das Klischee der faulen Studierenden ist längst überholt und stimmt eigentlich so gar nicht. Stattdessen werden jetzt andere Stimmen laut: Studierende leiden unter enorm viel Stress und Leistungsdruck, entwickeln immer mehr Angststörungen und hetzen sich ab. Doch stimmt das überhaupt?

Fakt ist, dass immer mehr Studierende den Anforderungen im Studium einfach nicht mehr gerecht werden. Der Druck an den deutschen Hochschulen ist mittlerweile so hoch, dass schon jeder sechste Student an einer psychischen Erkrankung erleidet. Doch warum ist das so? Sind wirklich die Hochschulen daran schuld oder steckt noch etwas anderes dahinter? Tatsächlich könnte man meinen, dass die Ursachen dafür zweigeteilt sind: Zum einen sind es die Hochschulen, die mit der Bologna-Reform zwar ein strukturierteres System, aber auch mehr Regeln eingeführt haben und die Gesellschaft, die die jüngeren Generationen immer mehr auf Erfolg drillt. Doch kann man aus diesem Teufelskreis wieder ausbrechen?

Noch schneller, bitte!

Mit der Einführung des Bachelor-Master-Systems, wurde die Studienzeit der jeweiligen Modelle erheblich gekürzt. Ziel war es ursprünglich, die Langzeitstudenten, die ihr Studium gemächlich in die Länge zogen, auszusortieren. Somit wurde die sogenannte Regelstudienzeit eingeführt. Ein Begriff, der immer mehr Studierenden Angst und Schrecken einjagt, den man aber eigentlich gar nicht so ernst nehmen sollte. Durch die Regelstudienzeit wurde der Bachelor auf 3 und der Master auf 2 Jahre verkürzt. Genug Zeit also, um dem Lernpensum gerecht zu werden, genug Erfahrung zu sammeln und schneller ins Berufsleben zu starten. Das war zumindest der Gedanke.

Stattdessen wird die Regelstudienzeit heute so hoch angesehen, dass zwischendrin kaum Zeit bleibt, um sich über andere Dinge Gedanken zu machen. Immer mehr Studierende konzentrieren sich erbittert darauf, das Studium in den vorgegebenen 3 Jahren zu Ende zu bringen, denn sonst drohen im Bewerbungsgespräch später unangenehme Fragen. Zeit für andere Dinge bleibt da kaum. Ein Auslandssemester, zum Beispiel, kommt für viele Bachelorstudenten nicht mehr in Frage, da somit nützliche Zeit verloren geht und das Studium oft für ein Semester verlängert werden muss. Doch gerade durch Auslandssemester lernen Studierende neue Kulturen kennen, blicken über den Tellerrand hinaus und finden zu sich selbst.

Selbst unter meinen Kommilitonen hört man oft den Satz: „Ein Auslandssemester mache ich vielleicht im Master. Den Bachelor will ich in der Regelstudienzeit abschließen, damit das auf dem Lebenslauf nicht so komisch aussieht.“ Und doch schauen sie mit neidischen Blicken, wenn man von den eigenen Erlebnissen im Ausland erzählt. Wozu also den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen im Weg stehen, nur wegen der Regelstudienzeit? Nur weil in der Prüfungsordnung steht, dass das Studium in 6 Semestern abgeschlossen sein sollte, heißt das nicht, dass man das auch tun muss. Außerdem zählen Auslandserfahrungen heute mehr denn je.

Fehlende Zeit

Wer sich heute irgendwo bewerben will, merkt oft, dass mittlerweile sehr viele Qualifikationen verlangt werden. Ein abgeschlossenes Bachelorstudium, Praktika während der Studienzeit und ein wenig Auslandserfahrung wäre auch nicht schlecht. Durch Praktika und Auslandserfahrungen sammelt man meistens keine Pluspunkte mehr – sie werden einfach vorausgesetzt. Und doch kann es im Studium schwierig sein, das alles unter einen Hut zu bringen. Denn wer sein Studium in der Regelstudienzeit abschließen will und dabei gleichzeitig berufliche Erfahrung sammeln, Auslandssemester und Prüfungen absolvieren will, der merkt schnell: Die Zeit ist zu knapp.

Da viele Hochschulen ihre Prüfungszeit auf die Semesterferien legen, bleibt den Studierenden oftmals keine Zeit, sich zu entspannen und vom Unistress zu lösen. Dabei soll man dann auch noch Pflichtpraktika absolvieren, die in der Prüfungsordnung vorgeschrieben sind und ohne die man nicht zur Bachelorprüfung zugelassen wird. Die meisten Unternehmen nehmen nur Praktikanten ab 3 Monaten, also vielleicht doch das gefürchtete Urlaubssemester einlegen? Aber dann zahlt das BAföG nicht mehr und die meisten Praktika sind unbezahlt. Probleme über Probleme, für die die meisten keine optimale Lösung finden.

Drüber hinaus müssen sich viele Studierenden einen Nebenjob angeln, damit sie das Studium überhaupt finanzieren können. Denn das BAföG reicht bei den immer höher steigenden Mietpreisen einfach nicht aus. Das führt ebenfalls zu Zeitdruck und Stress und viele fühlen sich bald überlastet und wissen nicht, wo sie die Zeit für das Lernen noch hernehmen sollen. Vor allem in Studiengängen wie Jura oder Medizin wird das zum Problem, wo der Lernumfang bis zu 40-50 Stunden die Woche betragen kann. Aber auch Geisteswissenschaftler beklagen sich häufiger über die ansteigenden Anforderungen, die erfüllt werden müssen, aber für die man kaum Zeit findet, wenn das Studium schnell beendet werden soll. Doch nicht nur Zeitprobleme führen zu Leistungsdruck und Versagensangst.

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Vergleiche mit den Mitstreitern

Es ist normal, sich im Studium mit den Kommilitonen hin und wieder zu vergleichen, um zu sehen, ob sie genau so weit sind wie wir selbst. Doch wenn das zur alltäglichen Routine wird, kann das schnell nach hinten losgehen. Die Selbstzweifel werden größer, der Konkurrenzkampf stärker. In manchen Studiengängen ist dies mittlerweile so schlimm geworden, dass Kommilitonen Bücher in der Bibliothek verstecken, Seiten ausreißen und weitere Sabotage-Aktionen durchführen. Aber nicht nur der Vergleich mit den eigenen Kommilitonen ist gefährlich. Soziale Netzwerke sind präsent wie nie zuvor und die Möglichkeiten sich mit anderen zu vergleichen, so scheint es, endlos.

Vor allem in den jüngeren Generationen ist der Vergleich auf Social Media oft zu sehen. Kein Wunder, denn mittlerweile kann sich jeder Influencer nennen und daraus sogar einen gut bezahlten Beruf machen. Fotos von tropischen Inseln, exquisiten Mahlzeiten und total natürlichen Schnappschüssen, auf denen man gerade Spaß hat – wenn man da auf das eigene Leben schaut, fühlt man sich oft schlecht und fragt sich, wieso man selbst nicht so erfolgreich ist. Wenn man allerdings liest, dass bei solchen Jobs nach 50 versuchten Bildern immer noch nicht das perfekte zum Posten entstanden und eine Krise vorprogrammiert ist, fragt man sich auch: Woher zum Teufel kommt dieser Perfektionismus, der immer mehr überhandnimmt?

Man bekommt oft das Gefühl, dass durchschnittlich sein einfach nicht mehr reicht. Alle wollen den perfekten Notendurchschnitt, den perfekten Lebenslauf und den perfekten Job. Das führt dazu, dass wir bei den kleinsten Fehlern uns selbst und unser Können in Frage stellen. Die Prüfung verhauen? Krisenalarm vorprogrammiert. Die Anderen schaffen es doch schließlich auch, wieso also nicht ich? Durch das ständige Vergleichen mit der Umwelt und dem vorgelebten Perfektionismus leiden Studierende immer mehr an Leistungsdruck und Versagensangst, was sich schnell in psychischen Erkrankungen widerspiegeln kann.

Prokrastination heißt nicht gleich faul sein

Prokrastination – Das Lieblingswort unter den Studierenden. Das ewige Aufschieben von Lerneinheiten oder Hausarbeiten. Die meisten mögen das mit Faulenzen übersetzen, doch so einfach ist das meistens nicht. Denn mit dem wachsenden Leistungsdruck an den Hochschulen, steigt auch die Angst zu versagen. Somit wollen sich viele gar nicht erst mit dem Lernen auseinandersetzen, aus Angst, sie würden es sowieso nicht schaffen. Also wird das Lernen einfach so lange aufgeschoben, bis man voller Panik last minute anfängt zu lernen und dann im Stress versinkt.

Dazu kommt, dass der Leistungsdruck schon früh anfängt und sich auch in der Finanzierung des Studiums bemerkbar macht. Bereits im ersten Semester zählen die Prüfungen in die Endnote mit rein, was schon bei Studienanfängern Leistungsdruck auslöst. Vor allem in Sachen BAföG wird das bemerkbar: Denn wer zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht die Mindestanzahl gewisser Leistungspunkte vorweisen kann, der bekommt das Fördergeld gestrichen. Auch diejenigen, die über die Regelstudienzeit hinausstudieren, bekommen kein BAföG mehr, es sei denn, sie haben einen triftigen Grund, wie Schwangerschaft, Krankheit oder ein freiwilliges Auslandssemester.

Tipps gegen Versagensangst und Leistungsdruck

Auch wenn man denkt, dass man im Studium wie eine Maschine funktionieren muss, so kann man doch einige Dinge beachten, damit das Studieren ein wenig leichter fällt. Denn Versagensangst und Leistungsdruck können sich schnell in weitere Probleme wie Prüfungsangst, Lernstörungen und Stress ausweiten. Und das wiederum kann zu tiefliegenden Problem führen, wie Depression oder Angststörungen und Panikattacken. Daher haben wir ein paar Tipps, die ihr euch während dem Studium immer mal wieder ins Gedächtnis rufen solltet.

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1. Hör auf, dich zu vergleichen

Nur weil dein Kommilitone alles richtig zu machen scheint und herumposaunt, dass er sogar unter der Regelstudienzeit fertig wird, heißt das nicht, dass das der beste Weg für dich ist. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus und sein eigenes Tempo und nur weil sich andere abhetzen, musst du das nicht auch tun. Wenn du merkst, dass du in Panik gerätst, weil manche deiner Kommilitonen viel weiter zu sein scheinen als du, ruf dir in Erinnerung, dass du deinen eigenen Weg gehst und du dich nicht mit anderen messen solltest.

2. Nimm dir (Aus-)Zeit

Wie bereits erwähnt, ist die Regelstudienzeit nur ein Vorschlag, wie lange du für dein Studium brauchen solltest. Du musst dein Bachelorstudium aber nicht unbedingt in 3 Jahren abgeschlossen haben. Wenn du ein oder zwei Semester länger brauchst, nimmt dir das keiner übel. Vor allem dann nicht, wenn du die Zeit dafür nutzt, um ins Ausland zu gehen oder ein Praktikum zu machen. Der Vorteil bei einem freiwilligen Auslandsaufenthalt: Du bekommst sogar länger BAföG, auch wenn du über die Regelstudienzeit hinaus studierst.

Ein Urlaubssemester kann auch von Vorteil sein, wenn du ein Praktikum machen möchtest. So sammelst du schon Erfahrung und weißt, ob dein Studiengang die richtige Wahl war. Zwar bekommst du kein BAföG während eines Urlaubssemesters, aber dafür zählt es nicht in deine Regelstudienzeit. Das heißt, dass du nach dem Urlaubssemester weiterhin BAföG beantragen kannst und die fehlende Zeit nicht in deine Regelstudienzeit miteinberechnet wird.

Aber auch bei psychischen Problemen solltest du überlegen, dir einfach mal eine kleine Auszeit zu gönnen. Das heißt auf keinen Fall, dass du schwach und ein Versager bist, sondern vielmehr, dass du schlau genug bist, um zu wissen, wo deine Grenzen liegen. Denn wer bei Dauerstress und Leistungsdruck die Signale des eigenen Körpers ignoriert, wird irgendwann mit voller Wucht daran erinnert. Ein Urlaubssemester kann also nicht nur dem eigenen Wohlbefinden, sondern auch dem Körper und der Gesundheit guttun.

3. Gehe deinen Hobbys nach

Ein Studium, das den Großteil deiner Freizeit einnimmt und deine Lieblingsaktivitäten einschränkt, wird auf Dauer zu viel. Du solltest darauf achten, dass du ein gutes Zeitmanagement hast und deine Zeit nicht nur für das Studium opferst. Klar solltest du hart arbeiten und das Lernen nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber zwischendrin braucht jeder mal etwas Abwechslung und Spaß. Ruf also deine Freunde an und verabrede dich mit ihnen! Vielleicht kannst du ihnen sogar deine Sorgen über das Studium erzählen und erhältst nützliche Ratschläge. Oder du siehst, dass es ihnen genauso geht wie dir.

Deinen Hobbys kannst du im Studium also ruhig nachgehen. Wenn du gerne Sport treibst, umso besser! Denn durch Sport kannst du dich richtig auspowern und hast einen Ausgleich zum stressigen Unialltag. Kleiner Tipp: Wenn du dich in der Prüfungsphase befindest, setz dir einen festen Feierabendzeitpunkt! Das gibt dir Routine und du hast noch Zeit, um dich danach zu entspannen.

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4. Nimm Beratung in Anspruch

Viele Studierende fangen an, irgendeinen Studiengang zu wählen, weil sie entweder nicht wissen, was sie studieren sollen oder weil sie sich von den Eltern etwas einreden lassen haben. Spätestens in den höheren Semestern fällt ihnen dann auf, dass es die falsche Wahl war. Wer sich in solch einer Situation befindet, der sollte sich nicht von anderen einreden lassen, dass man jetzt noch schnell fertig studieren soll. Wenn du total unglücklich bist und keine Motivation mehr verspürst, ist es wohl das Beste zur Studienberatung zu gehen und über deine Optionen zu reden. Ein Studienabbruch ist keine Schande und passiert häufiger, als du vielleicht denkst.

Bei psychischen Problemen wie Ängsten, Panikattacken oder Depressionen kannst du dich immer an die psychischen Beratungsstellen deiner Hochschule wenden. Die meisten bieten Anlaufstellen an, zu denen zu gehen kannst. Deine Informationen werden natürlich vertraulich behandelt und nicht weitergegeben. Du bist garantiert nicht alleine mit deinen Problemen und sich Hilfe zu suchen ist der erste Schritt Richtung Besserung.

5. Alternativen ausdenken

Die meisten, die an Versagensangst leiden, haben Angst vor dem, was passiert, wenn es wirklich mal zu einem gescheiterten Studium kommen sollte. Wer dann keine Alternativen hat, hat keine Perspektive und weiß erst recht nicht, was er mit sich anfangen soll. Daher ist es eine gute Idee, sich schon im Voraus Gedanken darüber zu machen, was man in so einem Fall machen möchte. Vielleicht eine Ausbildung, die in diese Richtung geht? Oder eine Fachhochschule besuchen? Egal, was passiert, Lösungen gibt es eigentlich für jedes Problem. Wenn du ein wenig beruhigter sein willst, kannst du dir schon im Voraus ein paar Alternativen ausdenken, damit du weißt, was du im Notfall machen kannst.

6. Ruf dir deine Erfolge ins Gedächtnis

Wir alle haben schon Dinge gemeistert, von denen wir dachten, dass wir sie nie im Leben schaffen würden. Selbst kleinere Dinge können große Erfolge bedeuten. Wenn du im Studium Angstmomente haben solltest, kannst du in dich gehen und dir überlegen, was du im Leben schon geschafft hast. In meinem Fall war das die mündliche Abiturprüfung (obwohl ich sie ordentlich vergeigt habe! 😉 ) oder das Abenteuer Auslandssemester, als ich alleine in ein fremdes Land reisen musste. Uns unsere Erfolge in Erinnerung zu rufen hilft uns, wieder ein wenig Kraft zu tanken und uns ein wenig stärker zu fühlen. Nimm dir also ein Blatt Papier und schreib die Dinge auf, bei denen du dachtest, dass du sie nie packen würdest. Du wirst sehen, es gibt so einiges, das du schon geschafft hast!

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Fazit

Versagensangst und Leistungsdruck betreffen heute immer mehr Studierende. Der Konkurrenzkampf wird härter und auch die Anforderungen sind in den Unternehmen gewachsen. Dazu kommt, dass viele junge Menschen sich Warnungen und gut gemeinte Ratschläge von den Eltern oder Großeltern anhören müssen, wie „denk an deine Rente!“ Klassiker oder „studiere was Gescheites, damit du später gut verdienst!“ Dabei ist der beste Weg, einfach das zu studieren, was einem wirklich gefällt. Denn jahrelanges durchquälen durch ein langweiliges Studium, nur um in einem langweiligen Job zu landen, bringt auch nicht viel.

Wenn du ein oder zwei Semester länger brauchst, um deinen Abschluss zu erhalten, ist das auch nicht weiter tragisch. Wenn du ein Auslandssemester machst, ein spannendes Praktikum absolvieren willst oder eben auf deine eigene Gesundheit achtest – du wirst später keineswegs Probleme deswegen bekommen. Und wenn du das nächste Mal von irgendwelchen Wunderkindern hörst, die mit Anfang 20 schon Riesenerfolge haben, denk einfach an die ganzen Berühmtheiten, die erst im höheren Alter ihre Bestimmung gefunden haben. Zu Erfolg gehört meistens eben nicht nur ein lückenloser Lebenslauf oder ein schnell durchgezogenes Studium, sondern auch ein wenig Glück. Und jeder sollte den Weg gehen, den er für richtig hält.

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