Texte über Texte – Wie kann man Bücher lesen im Studium?

Texte über Texte - Wie liest man eigentlich ein Buch im Studium?

Es gibt Studiengänge, die werden als „Lesestudium“ bezeichnet (Jura, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft und andere Taxifahrer-Fächer). Und es gibt Studiengänge, die sich anfühlen, wie ein Mathestudium im Schafspelz (BWL, VWL, Informatik, Ingenieurwesen und andere Dinge, die potenziell reich machen). Eines haben sie aber gemeinsam: Früher oder später wird man dazu gezwungen, sich hinter mehr oder weniger spannenden Artikel und Bücher zu klemmen und mit dem Lesen im Studium zu beginnen. Manchmal nur ein paar, manchmal so viele, dass die eigentlich vertrauenswürdige Bibtüte zu platzen droht.


StudybeesPlus für WiWis

Wenn du es bis hierhin geschafft hast, hast du die Grundvoraussetzung erfüllt: Du kannst lesen!

Leider gibt es aber einen relativ großen Unterschied zwischen „lesen können“ und „professionellem Lesen“, wie es eigentlich an den Hochschulen gefordert wird. Dieses professionelle Lesen im Studium hat außerdem weniger mit sehr schnellem Lesen (Speedreading) zu tun, als mit einer besonderen Art, mit Texten umzugehen.

Vier Level des Lesens

In ihrem etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch wunderbaren Buch How to Read a Book (1967) beschreiben Mortimer Adler und Charles Van Doren vier Level des Lesens, die in ihrer Komplexität aufeinander aufbauen:

  1. Elementary Reading – Die einfachste Form des Lesens, die eigentlich nur die Frage „Was sagt dieser Satz?“ beantwortet.
  2. Inspectional Reading – Welche Informationen kann ich wie in kürzester Zeit aus einem Text herauslesen?
  3. Analytical Reading – Welche Informationen kann ich mit unbegrenzt viel Zeit aus einem Text herauslesen?
  4. Synoptical/Comparative Reading – Welche Erkenntnisse über einen Sachverhalt kann ich aus dem vergleichenden und mehr oder weniger gleichzeitigem Lesen mehrerer Texte gewinnen?

Spätestens mit dem Abitur sind wir alle im Stande uns auf diesen vier Ebenen zu bewegen – oft entscheiden wir uns nur für die falsche.

Während es sich zwar unglaublich produktiv anfühlt einen Artikel in der Bibliothek heruntergelesen zu haben (Level 1), ist der Mehrwert, mal abgesehen vom guten Gewissen, meistens doch eher gering. Bereitet man sich auf eine Seminarsitzung vor, ist es vielleicht schlauer alle Texte grob verstanden zu haben (Level 2) als einen Text bis ins letzte Detail ausgereizt zu haben (Level 3).  Schreibt man an einer Hausarbeit, ist es vielleicht umso wichtiger, einen Überblick über viel Literatur zu gewinnen (Level 2), dann alle Texte in den Zusammenhang zu stellen (Level 4) und dann einige ausgewählte Texte ganz genau zu betrachten (Level 3).

Der erste Schritt zu besserem Lesen im Studium ist es also, sich genau bewusst zu machen, was man warum in welcher Zeit wofür lesen möchte.

Was wir dafür lernen müssen

Nachdem wir jetzt also wissen, was wir wollen, stellt sich die Frage, wie wir das erreichen. Dazu müssen wir zuerst ganz dringend drei Dinge verlernen, die in vielen von uns fest verankert sind:

  1. Einen Text lesen im Studium bedeutet fast nie, jede Seite und jedes Wort gelesen zu haben! Verabschiede dich vom schlechten Gewissen – wenn es genügt, Einleitung und Schluss zu lesen, dann genügt es eben, Einleitung und Schluss zu lesen.
  2. Lesen im Studium, also lesen in unserem Sinne, ist nichts absolut ‚Gutes‘ oder ‚Schlechtes‘ – es ist ein Weg zu einem bestimmten Ziel. Es ist egal, wie viel du von einem Text liest, wie du diesen Text liest und ob du diesen Text liest oder eben nicht, solange am Ende das Ziel erreicht wird. Dieses Ziel, das ist fast noch wichtiger, muss auch nicht lauten, zu verstehen, was die Autorin dem Leser sagen wollte.
  3. Ein Buch oder ein Artikel ist nichts Heiliges, sondern ein Arbeitswerkzeug – es ist in Ordnung, den Buchrücken zu brechen, die Seiten voll zuschreiben, Eselsohren zu knicken und böse Kommentare an den Rand zu schreiben. Manchmal erfordert das Lesen im Studium solche Dinge. Das heißt aber nicht, dass der Leseprozess automatisch besser wird, wenn alle Seiten plötzlich in frischem Textmarkerneon aufleuchten….

Zehn Tipps für besseres Lesen im Studium

Verlernt? Gut! Dann kommen wir jetzt zu zehn Tipps, die das Lesen im Studium nicht nur einfacher und schneller, sondern auch effizienter gestalten:

Zehn Tipps für besseres Lesen

1. Abstracts! Abstracts! Abstracts!

Viele akademische Artikel haben ein Abstract. Diese kurze Zusammenfassung des Artikels erfüllt im Grunde zwei Zwecke: Zum einen kann ich als Leser feststellen, ob der Artikel mich wirklich interessiert, zum anderen bekomme ich, im Idealfall, eine solide Zusammenfassung des gesamten Artikels inklusive der wichtigsten Ergebnisse. Oft genügt das schon…

Im Bereich der Fachbücher gibt es zwar selten Abstracts, aber es gibt Reviews! In diesen meist zwei bis drei Seiten langen Aufsätzen wird das Buch zusammengefasst und bewertet – oft von Spezialisten auf dem Gebiet.

2. Die Textstruktur kennen und erkennen

Früher oder später bemerkt man, dass jede Disziplin ihre eigenen „Schreibregeln“ hat, an die sich auch die meisten Autoren und Autorinnen halten. Diese Regeln der Textstruktur zu kennen und zu erkennen, hilft ungemein dabei, Texte schnell zu erfassen und das Wichtigste zu finden.

Besonders praktisch wird das Ganze, wenn man sowohl die Makrostruktur des Textes (Einleitung, Methoden, Hauptteil, etc.) als auch die Mikrostruktur (These, Argument, Beispiel) relativ zügig erkennt. In diesem Fall wird das schnelle Überfliegen zum Kinderspiel.

3. Skimming

Beim Skimming geht es darum, zentrale Merkmale und Konzepte aus einem Text herauszufiltern. Man geht den Text schnell Seite für Seite durch und beschränkt sich dabei aber auf Strukturelemente wie Überschriften, Schlüsselwörter, das Inhaltsverzeichnis oder Grafiken.

Auf diese Weise kann man in sehr kurzer Zeit einen Text vollständig erfassen und eine genaue Vorstellung vom Inhalt und der Struktur des Textes erlangen. Im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Tipp sind vor allem die sogenannten Topic Sentences zu nennen. Im englischen Sprachraum wird gelehrt, dass der erste Satz eines Paragraphen immer einen groben Überblick über das Kommende liefern sollte. Hält sich der Autor an diese Regel, genügt es im Grunde, immer nur diese ersten Sätze zu lesen.

4. Randnotizen und Markierungszeichen

Ein Text kann auch viele verschiedene Weisen bearbeitet werden. Seltsamerweise beschränken sich die meisten aber auf den mehr oder weniger sinnvollen Einsatz des Textmarkers.

Um einen Text langfristig zugänglich zu halten, bietet es sich aber außerdem an, Paragraphen mit Randnotizen (Argument, Beispiel, Daten, …) zu versehen, zentrale Schlüsselbegriffe einzukreisen, eigene Zeichen für bestimmte Dinge zu verwenden oder wichtige Querverweise zu anderen Autoren farbig zu markieren.

Idealerweise ist ein Text nach dem gründlichen Lesen so mit eigenen Zeichen und Bemerkungen verstehen, dass er Jahre später noch ohne Probleme zugänglich ist.

5. Vorhandenes Wissen aktivieren

Aus einer Verständnis- und Lernperspektive heraus ist es unglaublich hilfreich, das bestehende Vorwissen vor dem Lesen kurz zu aktivieren. Schon ein paar Minuten Brainstorming können die eigene Aufnahmefähigkeit drastisch erhöhen – unter dem Strich wird sich der Mehraufwand lohnen.

Was weiß ich über das Thema? Was möchte ich in diesem Text erfahren? Was erwarte ich, dass in diesem Text stehen wird? Kenne ich Autorinnen oder Texte, die ein ähnliches Thema haben?

6. Mit dem Text in einen Dialog treten

Ein Buch kann natürlich nur schwer wirklich auf Fragen des Autors antworten, aber es kann trotzdem helfen, mit dem Text in einen gewissen Dialog zu treten. Dann kann sowohl in Form von „Fragen“ passieren, die vor dem Lesen an den Text gestellt werden oder indem man selbst auf den Text und das Gesagte „antwortet“.

Eine Stelle im Text macht mich wütend? Sehr gut – eine gewisse emotionale Reaktion ist ein Zeichen für einen gut geschriebenen Aufsatz, denn dann bin ich aufmerksam.

Aktives lesen, darum geht es hier, bedeutet, dass man das Gelesene direkt reflektiert und Position gegenüber dem Gesagten bezieht – vielleicht sogar in Form von Randnotizen. So wird der Inhalt besser im Gehirn konsolidiert und gleichzeitig findet eine Verarbeitung, nicht nur eine Reproduktion, des Gelesenen statt.

7. Systematische/Formalisierte Lesestrategien kennenlernen

Die Lernforschung hat eine ganze Reihe von formalisierten Lesestrategien mit oft seltsamen Abkürzungen hervorgebracht: SQ3R, THIEVES, OK4R oder PQRST um nur vier zu nennen.

All diese Methoden haben gemeinsam, dass sie den Leseprozess formalisieren und versuchen, möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. Ob einem diese Art des Lesens liegt oder nicht, sollte man für sich selbst herausfinden. Auf jeden Fall kann es nicht schaden, sich diese Strategien einmal anzusehen, sie auszuprobieren und dann zu übernehmen, was für einen selbst funktioniert.

In unserem Artikel zu Lernstrategien kannst du dir SQ3R einmal etwas näher ansehen!

8. Exzerpieren

Wenn man einen Text schon „ordentlich“ bearbeitet, bietet es sich an, gleichzeitig ein kurzes Exzerpt anzufertigen. Das Exzerpt umfasst üblicherweise Zusammenfassungen und Zitate aus dem Text und ist eine Art Leseprotokoll.

Auf der einen Seite kann das Exzerpieren eine gute Lesestrategie sein, die beim Erarbeiten von Texten hilft. Auf der anderen Seite haben Exzerpte den großen Vorteil, dass man einmal gelesene Texte schnell wieder neu erfassen kann – zum Beispiel zwei Jahre später zur Bachelorarbeit.

Die Form des Exzerpts ist eine sehr persönliche Angelegenheit – manche bevorzugen eine Sammlung von wichtigen Zitaten, andere fassen den Text seitenweise zusammen, wieder andere übertragen den gesamten Text in eine Mindmap.

9. Schneller lesen

Dieser Tipp könnte genauso gut auch am Anfang der Liste stehen. Das tut er nicht, weil „schneller lesen“, oft als Allheilmittel in Form des Speedreading angepriesen, zwar eine gute Sache ist, aber eigentlich kein echter Tipp ist – eher eine persönliche Fähigkeit.

Grundsätzlich ist es für fast alle Menschen möglich, die eigene Lesegeschwindigkeit auf bis zu 500 – 750 Wörtern pro Minute zu erhöhen. Das ist natürlich traumhaft, geht aber leider auf Kosten der Genauigkeit.

Wie lernt man schneller Lesen? Ganz einfach: Durch viel schnelles Lesen. Das klingt ein bisschen bescheuert, scheint aber die Wahrheit zu sein. Lesen kann und muss man trainieren – sicher gibt es den ein oder anderen Kniff, aber wer viel liest wird besser darin.

Eine zweite Dimension des Ganzen gibt es aber: Wer etwas schneller liest bleibt weniger oft an „Kleinigkeiten“ oder unbekannten Wörtern hängen – das kann dabei helfen, wenn Texte sich wie eine Tortur anfühlen.

10. Technische Hilfsmittel nutzen

Du erinnerst dich an die zweite Sache, die es zu verlernen gab? Genau: Texte sind für uns, oft, ein Mittel zum Zweck – ein Informationsmedium. Wie wir dieses erschließen ist erst einmal egal. Glücklicherweise gibt es heute eine Reihe von Hilfsmitteln, die man verwenden kann. An dieser Stelle nur ein paar Ideen:

  • Integrierte Lexika und Wörterbücher, wie man sie von eBook-Readern kennt (für Windows gibt es z.B. „WordWeb“)
  • Wordclouds um einen Überblick über zentrale Begriffe zu bekommen (z.B. bei wordclouds)
  • Literaturverwaltung, die die Exzerpte, Zitate und Quellen automatisch verwaltet (z.B. Citavi)
  • Tools, die automatisch Texte (ungefähr) zusammenfassen (z.B. Autosummarizer)
  • Korpus-Software (z.B. AntConc) um besonders frequente Begriffe zu finden und einzelne Begriffe im Kontext zu sehen
  • Die „häufig markierte Stellen“ Funktion in Amazons Kindle

Zum Schluss noch ein ganz wichtiger Appell: Bitte bei all dem Studium nicht den Spaß am Lesen, dieses Mal das nicht-professionelle Lesen, verlieren! Vielleicht ist es manchmal auch einfach eine gute Idee, ganz in Ruhe einen guten Roman zu lesen. Und wenn das schlechte Gewissen plagt, kann man sich ja einreden, man würde gerade lernen, schneller zu lesen.

So, und da du jetzt genug gelesen hast, darfst du dir eine Tasse Kaffee gönnen – hier hast du eine mit den wichtigsten Begriffen dieses Artikels.

Texte ueber Texte Buecher lesen im Studium
Mehr?  10 tolle Mind-Mapping-Tools für Studium und Schule