Die Industrie benötigt Nachwuchs. Und zwar möglichst solchen, dessen erste Arbeitsschritte bereits in einem industriellen Umfeld beginnen und der ebenso in dieser Zeit der Umbrüche einen natürlichen Umgang mit den nötigen Techniken der Industrie 4.0 pflegen kann.

Zoomer, also der umgangssprachliche Name für die Generation Z, die zwischen den späten 1990ern und frühen 2010ern geboren wurden, sind der wichtigste Quell für diesen Nachwuchs. Unter dieser Generation finden sich diejenigen, die derzeit zur Schule gehen, vor dem Abschluss stehen, in Berufsausbildungen stecken oder eben studieren. Eine extrem wertvolle Humanressource. Doch damit die Industrie dieses Potenzial auch abschöpfen kann, muss sie verstehen, was zur Lebensrealität dieser Menschengruppe gehört, was sie wollen, was sie denken.


StudybeesPlus für WiWis

1. Eine Abkehr von der Generation Y

Die Vorgänger der Zoomer war die Generation Y – häufig als Generation Why ausformuliert, weil es zu den prägenden Tatsachen gehörte, dass sie eine starke Sinnsuche betrieb und damit die damalige Berufswelt vor Probleme stellte. Um die Welt der Zoomer zu erklären, kommt man nicht umhin, auf diese Ypsiloner bzw. Millennials einzugehen.

Diese Generation (Geburtsjahre frühe 1980er bis späte 1990er) war eine, die Freiheit und persönliche Entfaltung sehr großschrieb und -schreibt, auch im Beruf. Flexible Arbeitszeiten, berufliche Freiräume, Abschied von tradierten Wegen sind praktisch der „Markenkern“ dieser Generation. Dafür war sie auch bereit, abzugeben – etwa durch die Bereitschaft, auch abseits der Arbeitszeiten Engagement zu zeigen, erreichbar und flexibel zu sein, weniger Ansprüche an Gehalt und Jobsicherheit zu stellen.

Doch so sehr diese Einstellungen den Ypsilonern auch zu beruflichem Erfolg verhalf, in der Industrie mit ihren notwendigerweise oft recht starren Arbeitsmodellen hatten sie immer gewisse Probleme, dazu sei auch ein Blick die Ausbildungszahlen aus den Hochzeiten der Y-Jahrgänge angeraten.

In diesem Sinne ticken die Zoomer, die aktuell und in den kommenden Jahren auf den Arbeitsmarkt gelangen, in vielerlei Hinsicht anders – was insbesondere der Industrie entgegenkommen kann.

2. Fest ist das neue Flauschig

Die Rede ist hier nicht vom Podcast.Die Ypsiloner versprachen sich durch maximale Flexibilität ein insgesamt besseres Leben. Die Zoomer hingegen haben beobachtet und erkannt, dass das häufig nur ein Wunschgedanke blieb.

  • Was für bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit sorgen sollte, endete oftmals in einer Vermischung, durch die die Work-Life-Balance völlig aus dem Ruder geriet und viele Ypsiloner tatsächlich mehr arbeiteten oder sich verzettelten.
  • Was für größere berufliche Freiheit sorgen sollte, machte das Arbeitsleben für viele der Y-Generation prekär, sorgte für die Generation Praktikum, für endlose Zeitvertragsketten und ungesicherte Zustände.
  • Was steile Hierarchien abbauen sollte, schoss oft über das Ziel hinaus, sodass keine klaren Zuständigkeiten und Rangfolgen mehr existierten – mit entsprechend unklaren Strukturen, die den Arbeitsalltag erschwerten.

Nicht verwundern sollte es, dass die Zoomer angesichts dessen zu einem großen „Rückschritt“ tendieren, weil sie nicht glauben, dass die lockere, unverbindliche „Startup-Mentalität“ ihrer Vorgänger dauerhaft und für jeden funktioniert. Einige Autoren bezeichneten diesen Paradigmenwechsel auch als Desillusionierung. So etwa Brigitte Reemts Flum und Toni Nadig in ihrem Werk „50 plus“:

Die digital Natives der Generation Z sind desillusioniert von den weltweiten Krisen. Sie wissen, dass Arbeitsplätze und Pensionsansprüche nicht sicher sind, und
haben bei ihren Eltern gesehen, wohin ständige Erreichbarkeit und Mobilität führt. Diese Leben erscheint den Jungen nicht erstrebenswert[…]

Quelle

Die Z-Generation will es geregelter. Feste Arbeitszeit, klare Zuständigkeiten und berufliche Sicherheit. Zwar nicht mehr so starr, wie man es aus Zeiten vor dem Jahrtausendwechsel kennt, aber ungleich geregelter als in der jüngsten Vergangenheit. Außerdem trennt sie Arbeit und Freizeit konservativ, will nicht ständig erreichbar sein – abermals, weil viele Zoomer gesehen haben, wozu ständige Erreichbarkeit führen kann.

Und auch wenn einige wenige Zoomer Leistung verweigern, ist die Majorität dieser Menschen deshalb auch viel mehr bereit, sich während der Arbeit vollumfänglich der Arbeit zu widmen – sie erwarten eben nur, sich analog dazu auch während der Freizeit ausschließlich dieser widmen zu dürfen.

3. Dauerhaft vernetzt und stolz darauf

Jugendliche mit Smartphone
Die vielkritisierte Dauer-Vernetzung der Zoomer ist für die Industrie eigentlich ein Segen: Erst diese Jungen sind echte Digital Natives.

Viele Experten sahen die Millenials der Y-Generation als erste an, die von Kindesbeinen digital lebte. Gegenüber den Zoomern allerdings verblasst diese Ansicht. Denn erst sie wuchsen direkt mit einem vollvernetzten Lebensumfeld auf, das dem heutigen entspricht – bei ihren Vorgängern waren noch viele analoge Tatsachen prägend.

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Der Zoomer ist ein Mensch, der nicht natürlicher mit Digitaltechnik umgehen könnte. Dies verschafft natürlich auch Vorteile im Beruf. Für ihn gibt es kein entweder-oder, er schafft es spielend, beide Welten zu vereinigen. Kritiker werfen dieser Generation zwar vor, in einer digitalen Traumwelt zu leben, darin zu vereinsamen. Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit.

Gerade Zoomer sind es, die durch ihre buchstäblich lebenslange Vernetzung, gepaart mit hoher Offenheit gegenüber neuen Technologien, der Industrie die nötige Schwungmasse für den Weg in die Zukunft verleihen können. Je mehr Zoomer in diesen Arbeitsmarkt drängen, desto leichter wird es, auch größte Schritte des industriedigitalen Weges zu gehen, ohne befürchten zu müssen, dass Mitarbeiter nicht nachkommen – oder Führungskräfte nicht das volle Potenzial erkennen. Der größte Teil der aktuell Studierenden dürfte also in dieses Cluster fallen, sofern man kategorisieren möchte.

4. Idealistisch und politisch

Die Generation der Zoomer ist zudem auch durch ein verändertes Umweltbewusstsein geprägt. Mülltrennung, nachhaltiges und ressourcenschonendes Handeln oder einfaches Energiesparen sind Dinge, die nach wie vor nicht bei jedem im Alltag angekommen sind. Viele Maßnahmen zum Umweltschutz müssen derzeit noch durch politischen Druck durchgesetzt werden. Das Verbot von Plastiktüten oder auch verpflichtende Entsorgungshinweise zu besonderen Stoffen etwa bei Elektrogeräten sind Beispiele dafür.

Während die vorangehenden Generationen ihr Umweltbewusstsein erst im Lauf ihres Lebens entwickelt haben, wachsen Zoomer bereits viel selbstverständlicher mit einem nachhaltigeren Lebensstil auf bzw. sind sich der zahlreichen Aspekte im Alltag bewusst. Spätestens seit der Fridays-For-Future-Bewegung ist dieses Thema noch stärker in den Fokus gerückt – schließlich sind sie es, die noch einen Großteil ihres Lebens mit den Auswirkungen des Klimawandels auskommen müssen.

Wo ihre Vorgänger noch 2014 mit Sorge als sehr unpolitisch und Ich-bezogen kritisiert wurden, sind es heute die Zoomer, die als mit Abstand politischste Generation seit den 68ern gefeiert werden. Sie sind der Triebmotor hinter Fridays for Future; sie sind es, die ihren Vorgängergenerationen Trägheit und Sorglosigkeit ankreiden.

Ich habe gelernt, dass man nie zu klein
dafür ist, einen Unterschied zu machen


Quelle: Greta Thunberg

Damit bieten Zoomer für ein industrielles Umfeld sowohl Vor- als auch Nachteile:

  • Viele Zoomer neigen dazu, betriebliche Missstände zwischen Umweltschutz und Geschlechtergerechtigkeit sehr schnell und lauthals anzukreiden. Sie sind keine „Stillhalter“.
  • Gleichsam sind sie damit ein unschätzbares Hilfsmittel für ständige Verbesserung, bevor ein womöglich hoher Schaden in der Außenwirkung entstehen kann.

Diese Dualität muss richtig genutzt werden. Nur erwarten, dass die jungen Fachkräfte „die Füße stillhalten“, darf man nicht. Ein Glücksfall ist jedoch, dass diese hohe Politisierung nicht zu einer generellen Abneigung gegen Branchen geführt hat – Zoomer sind durchaus bereit, in Branchen zu arbeiten, die in der Kritik stehen. Aber sie wollen dort Mitspracherechte, um verbessern zu können.

Garten
Viele Zoomer haben vergleichsweise konservative Ansichten. Dazu zählt auch eine möglichst strikte Trennung von Beruf und Freizeit.

Für viele Industriebetriebe stellt der Klimawandel eine große Herausforderung dar. In vielen Bereichen werden politische Entscheidungen in diesem Zusammenhang mit tiefgreifenden Veränderungen verbunden sein. Während diese Umbrüche für ältere Generationen mitunter schwierig sind, sind Zoomer durch eine ganz andere Motivation dazu in der Lage, Probleme anzupacken und einen notwendigen Wandel Schritt für Schritt voranzutreiben. Die Generation Z indes wuchs in das Bewusstsein des Klimawandels hinein.

5. Arbeiten, um zu leben – nicht umgekehrt

Zoomer wollen Leistung erbringen. Allerdings zeigen sie auch dabei eine Abkehr von den Prinzipien ihrer Vorgänger. Denn es zählt nicht das coole Image eines Jobs, eines Unternehmens oder einer ganzen Branche, so wie es bei den Millennials der Fall war. Auch sind die Zoomer weit davon entfernt, Gehalt über alles andere zu stellen – ungleich zu dem, was in weiten Teilen der bis in die frühen 1980er geborenen Generation X Usus war.

Die Generation Z will in Berufe, die sie gerne ausüben, auf die sie sich jeden Morgen freuen. Diese müssen nicht sonderlich „hip“ sein, sondern nur ihren ganz eigenen Neigungen entsprechen. Ebenso wichtig ist ihnen ein angenehmes, menschliches Arbeitsklima – allerdings ohne überbordende Startup-Coolness, weil damit allzu häufig übermäßig flache Hierarchien einhergehen.

Sie will keinen prestigeträchtigen Firmenwagen. Lieber ist ihnen eine betriebliche Altersvorsorge – auch, oder gerade weil selbst die ältesten Zoomer noch viele Jahrzehnte von einem unsicher aussehenden Renteneinstiegsalter entfernt sind. Selbst das jüngst so hochgelobte Home Office ist ihnen nicht so wichtig – weil sie gesehen haben, wie schnell man sich zuhause überarbeiten kann. Dann lieber ein Arbeitsort, den man zum Feierabend sowohl gedanklich wie physisch verlassen kann.

Zusammengefasst

Die jetzt nach und nach auf den Arbeitsmarkt strömende Generation Z ist für die Industrie eine unheimlich wichtige Ressource. Digitalaffin und in ihren beruflichen Wünschen den industriellen Realitäten viel eher zugeneigt als es ihre Vorgänger waren. Allerdings liegt es in den Händen der Personaler, die Zoomer für Industriebetriebe zu begeistern. Und das muss zeitnah geschehen, damit die vollständige Transformation zur Industrie 4.0 mit den richtigen Leuten an den richtigen Positionen unterfüttert ist.

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