Gesellschaftswissenschaft? Wohl eher Master of Taxifahren!

Gesellschaftswissenschaft: Master of Taxifahren

Falls du schon einmal eine Hochschule von innen gesehen hast, ist dir mit Sicherheit auch schon einmal das Bild vom taxifahrenden Akademiker begegnet – falls du schon länger studierst, hast du ihn bestimmt schon einmal in einem echten Taxi getroffen.

Studentische Hierarchien

Es gibt so etwas wie eine ungeschriebene Hackordnung des akademischen Humankapitals: Studierende der technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge müssen sich wenig Sorgen machen.  Juristen und Wirtschaftswissenschaftler sind üblicherweise auch auf der sicheren Seite, zumindest, wenn das eigene Networking nicht vollkommen gescheitert ist. Von da an geht es, so die Geschichte, rapide bergab. Verschrobene Philosophen, weltverbessernde Bildungswissenschaftler, kiffende Ethnologen und vollkommen verklärte Literaturwissenschaftler. Kurz gesagt: Die vermutlich interessantesten Taxifahrer der Welt.


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Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das wirklich so ist. Sind wir Geisteswissenschaftler wirklich so abgeschlagen, so ‚wertlos‘ für die freie Marktwirtschaft? Sind wir verdammt, auf immer und ewig unser Dasein in Seminarräumen und Hörsälen zu verbringen um neue unserer Art zu züchten, die dann später das Zepter weitertragen?

Die kurze Antwort ist: Nein, sind wir nicht! Zumindest dann nicht, wenn wir selbstbewusst und zielgerichtet die Stärken unserer (Aus-)Bildung ausspielen. Das Studium in den Geisteswissenschaften ist in seiner vorgegebenen Struktur oft viel weniger zielorientiert, als das in anderen Disziplinen der Fall ist. Das ist zugleich Segen und Fluch – während man als Geisteswissenschaftler zwar häufig die Freiheit hat, sich mehr oder weniger so zu bilden, wie man das möchte, so ist man auch gezwungen sich selbst einen Weg zu bauen. An dieser Stelle ist der Knackpunkt: Erfolgreiche Geisteswissenschaftler sind die, die sich dieser Tatsache bewusst sind, und in Eigeninitiative einen solchen Weg bestreiten und sich bewusst formen.

Können Gesellschaftswissenschaftler wirklich nur Taxi fahren?

Im Grunde liegen unsere Stärken auf der Hand: Geisteswissenschaftler haben einen eigenen Kopf, sind extrem gut darin, sich schnell in neue Sachverhalte einzuarbeiten, haben ein großes Allgemeinwissen, sind in effektiver Kommunikation geschult und sind Experten darin, sich zwischen verschiedenen Disziplinen zu bewegen. Im Gegensatz zu vielen anderen Studienfächern, wird in den Geisteswissenschaften gelehrt, flexibel mit sehr unterschiedlichen Frage- und Problemstellungen umzugehen. Der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand ist für Geisteswissenschaftler keine Option, sondern Pflicht.

Das große Problem besteht nur darin, dass man viele dieser Fähigkeiten nur schwer erzwingen kann. Es gibt keine Prüfungen in ‚Interdisziplinarität‘ oder im ‚kreativen Problemlösen‘. Ein solches Studium kann relativ entspannt verlaufen, die verpflichtenden Anforderungen sind, im Vergleich zu anderen Fächern, oft weniger streng. Als Student muss man verstehen, dass diese Freiheit kein Freischein zum Nichtstun ist, sondern ein bewusst geschaffener Freiraum zur individuellen Formung. Radikal formuliert: Ein Geistes- oder Gesellschaftswissenschaftler, der nur die Pflicht im Studium erfüllt, nutzt das Potenzial seines Studiums und seines Studienfaches schlicht nicht aus. Wer sich anschließend wundert, dass der Arbeitsmarkt trotz fünf Jahren Studium härter ist, als erwartet, hat einen Teil der eigenen Ausbildung nicht verstanden.

Gesellschaftswissenschaft: Der Weg zum Erfolg

Was heißt das jetzt für uns, diejenigen, die in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern eingeschrieben sind? Wollen wir ‚konkurrenzfähig‘ sein, so müssen wir die Freiräume unserer Fächer ausspielen. Wir sollten uns parallel zu den Pflichtveranstaltungen weiterqualifizieren und unser eigenes Profil ausbauen. Wir haben die einmalige Chance, hochqualifizierte und individuell ausgebildete Arbeitskräfte zu werden – davon können viele andere nur träumen.

Die Möglichkeiten der Weiterbildung sind heute außerdem nahezu unbegrenzt: Die Universitäten bieten Weiterbildungen in fast allen Bereichen an, in Online-Kursen lassen sich ganze Studienabschlüsse machen und die freie Verfügbarkeit von Informationen und Lernmaterial erlaubt es uns, ungeachtet unseres Geldbeutels, tatsächlich immer und überall zu lernen, was wir lernen wollen.

Am Schluss dieses Artikel steht also ein Aufruf: Mach dir weniger Sorgen um deine Zukunft und hab lieber Spaß bei einem Praktikum oder in einem Projekt deiner Wahl. Wenn dir langweilig ist, versuch dich doch mal an einer Programmiersprache oder setz endlich diese Idee um, die du schon so lange mit dir herumträgst. Lerne eine neue Fremdsprache, setz dich mal in diese ominöse ‚Einführung in die Betriebswirtschaftslehre‘ oder lerne endlich wie man sich in Photoshop hübscher machen kann – was hast du zu verlieren?

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