Lerngruppe

Egal wie sehr Dir Dein Studium normalerweise Spaß macht, manchmal möchte man sich doch einfach unter dem Hörsaalsitz verkriechen oder so tun, als hätte man sich im Saal geirrt, um postwendend wieder aus der Tür zu stürmen. Besonders häufig überkommt einen dieses Gefühl, wenn vorne statt des Professors einer der Mitstudenten steht und sich mühsam erworbenes Wissen ungeübt aus den Fingern saugt. Es ist für viele eine der unangenehmsten Erfahrungen im Studium: Referate halten hat schon so manchen Alles-Könner aus dem Konzept gebracht. Wieso sie immer noch in vielen Modulen Pflicht sind und wer eigentlich jemals auf die Idee kam, sich auf diese Weise Wissen zu erarbeiten und weiterzugeben sei eine gute Idee, wird wohl ein für immer ungeklärtes Phänomen bleiben.

Damit Du dich mental für alle Eventualitäten in der nächsten Präsentation vorbereiten kannst, haben wir die fünf nervigsten Referatstypen zusammengefasst. So kannst Du für das nächste mit Referaten vollgepackte Seminar bereits alle nötigen Utensilien zusammensuchen, um Dich der geistigen Folter zu entziehen – wir empfehlen schalldichte Kopfhörer und Schlafmaske.

1. Der Alles-vom-Blatt-Ableser

Sofern es nicht Deine beste Freundin ist, wirst Du wohl niemals die Augenfarbe dieses Menschen herausfinden. Die Augen stets auf das Blatt vor ihm gerichtet, murmelt der Ablesende meist im Flüsterton vor sich hin. Selbst die besonders Aufmerksamen in der ersten Reihe haben da Schwierigkeiten, seinem Vortrag zu folgen. Im besten Fall sind die Karteikarten wenigstens auf Hüfthöhe gesenkt, sodass Du während des Referats immerhin eine Skizze seines Gesichts auf Deinem Block anfertigen kannst – mit Notizen machen wird das nämlich sowieso nichts. Selbst beim Weiterklicken der Präsentation gelingt es diesem Referatstypen, seinen Fokus nur kurz vom Blatt auf die Tastatur zu verschieben. Dann senkt er ihn sofort wieder auf seine Notizen, um die schüchterne Röte in seinem Gesicht zu verbergen.

Wie lange er für die Vorbereitung gebraucht hat, ist vermutlich kein großes Rätsel. Die tiefen Augenringe auf der blassen Haut weisen auf die durchzechte Nacht hin, die der Unglückselige damit zugebracht hat, die Informationen von Wikipedia wenigstens etwas umzuschreiben und zu formatieren. Dass bei dieser Vorgehensweise das Wissen noch nicht auswendig und flüssig vorgetragen werden kann, überrascht wohl nur die in der hintersten Reihe, die sonst auch nichts mitbekommen. Alle anderen sind zu sehr beschäftigt, den Sitznachbarn im Tic-Tac-Toe zu schlagen.

2. Der Alles-Machen-Woller

Ambition hat ja noch niemandem geschadet. Zu viel Ambition allerdings…? Ein erstes Indiz für einen Alles-Machen-Woller ist die übereifrige Erstellung einer Whatsapp-Gruppe, noch bevor die Referatsthemen überhaupt feststehen. Am Tag der Präsentation ist er eine Dreiviertelstunde vorher im Vorlesungssaal, um alle technischen Funktionen auszuprobieren und eventuellen Fauxpas vorzubeugen. Rechts vorne positioniert er seine Kamera, deren Aufzeichnung sich nach der Präsentation zum kritischen Reflektieren als nützlich erweisen wird. Der nächste Vortrag ist schließlich schon in Planung.

Wer mit dem Alles-Machen-Woller die Gruppe teilt, darf sich entspannt zurücklehnen. Bereits zum ersten Treffen bringt er einen Ordner gesammelten Wissens mit, in dem selbst die ersten Schreibversuche aus dem Kindergarten abgeheftet sind. So sichert er sich das Recht, selbstsicher seine Meinung kund zu tun und bestimmt den Ablauf des Referats zu diktieren. Wer sich hier selbst gerne als Alpha-Tierchen etablieren würde, ist fehl am Platz. Glück jedoch für all die, die schon lange mal wieder ordentliche Nagelpflege betreiben wollten.

3. Der Nichts-Machen-Woller

Das perfekte Gegenstück zu Typ 2, allerdings landen die beiden unglücklicherweise selten gemeinsam in einer Gruppe. Er läuft pünktlich um 10:35 Uhr zu dem für um 10 Uhr angesetzten Vorbereitungstreffen auf. Dann begibt er sich erst einmal auf den Weg zum Bäcker für eine geistige Stärkung. Ausgestattet mit Milchkaffee und Schoko Croissant lässt er sich dann gnädiger Weise dazu herab, den ersten Piep von sich zu geben. Der Kreislauf ist nun immerhin angekurbelt. Viel Produktives wirst Du jedoch nicht aus ihm herausbekommen, denn er verlässt sich vollkommen auf Dein Präsentationsvorbereitungstalent. Auf Deine Frage, welchen Teil des Referats er übernehmen möchte, antwortet er generell mit Schulterzucken und langem Gähnen.

Der gemütlichste der Referatstypen möchte gerne am Tag vor dem Vortrag seine fertigen Notizen in die Hand gedrückt bekommen, damit er sie sich vor dem Zubettgehen bei seiner heißen Milch mit Honig entspannt auf dem Sofa liegend durchlesen kann. Recherche betreibt er nur, um herauszufinden, wo er sich am Freitag die Nacht um die Ohren schlagen kann. Die Nerven solltest Du dennoch nicht verlieren: Wenn er Dich als würdigen Präsentationspartner anerkennt, bringt er Dir vielleicht beim nächsten Treffen auch ein Heißgetränk Deiner Wahl mit.

4. Der Hab-Immer-Noch-Nicht-Gecheckt-Dass-Powerpoint-Funktionen-Out-Sind-Naivling

Die Folien-Überschrift kommt von links ins Bild gesurrt, die Stichpunkte untendrunter purzeln sich überschlagend aus allen Ecken. Es mag möglicherweise (oder hoffentlich?) der seltenste der fünf Referatstypen sein, und durchaus der ungewöhnlichste, aber dennoch findet man im Laufe seines Studiums sicher eine Person, die fröhlich von ihrem unnützen technischen Wissen Gebrauch macht. Ist es Ironie oder fehlender Ernst? Man weiß es nicht. Klar ist jedoch, dass es morgens um acht niemandem Spaß macht, beim Notizenmachen formändernden Worten hinterherzujagen.

Wehren kannst Du dich nur durch eine mentale Blockade. Halte Dir am besten die Augen zu oder versuche unauffällig, in Deinem Sitz zu verschwinden. Wenn Du Glück hast, tut sich vielleicht unter Dir ein Loch im Boden auf, in dem Du Dich für die nächste halbe Stunde verkriechen kannst. Wieso der Dozent nicht nach fünf Minuten eingreift und dem Studenten da vorne einen gepfefferten Tritt in den Hintern versetzt, wird wohl genauso ein ungelöstes Rätsel bleiben wie die Frage, weshalb die Macher von Powerpoint diese Funktionen jemals eingeführt haben. Was in der sechsten Klasse noch für Lacher und gute Stimmung gesorgt hat, führt in einem Hörsaal unter 20-Jährigen nur zu peinlich betretenem Schweigen. Wer sich hier fragt, wieso er sich überhaupt auf den langen Weg zur Uni begeben hat, grübelt wahrscheinlich weniger, als derjenige, der im Geiste immer noch dem letzten Stichpunkt von Folie 1 hinterherfliegt.

5. Der Abwesende

Beliebtheit bei den Referatspartnern: 0. Beliebtheit bei den Erlösten in der Vorlesung, die nun kein Referat hören müssen: 12. Wer schon einmal mit diesem Referatstypen in eine Gruppe gesteckt wurde, weiß, dass er besser vorher schon die andere Hälfte der Präsentation mit vorbereitet, um späterer Peinlichkeit zu entgehen. Denn wer alleine in der Vorlesung steht und die zweite Hälfte des Referates nur mühsam zusammenstottert, zieht – ungerechterweise! – den Zorn der Anwesenden auf sich, während der Abwesende wahrscheinlich noch friedlich in den Federn liegt und sich seelenruhig ausschläft. Im Falle von Einzelreferaten, bei denen nun allerdings der Professor keine andere Wahl hat, als selbst den gefragten Themenbereich zu vermitteln, macht sich jedoch allgemeine Erleichterung breit. Kopfhörer werden aus den Ohren gezogen und müde Augen wieder aufgeschlagen – die Vorlesung ist gerettet. So wird man als Abwesender doch noch zum Tageshelden. Ob die Note davon profitiert, ist die andere Frage.

Fazit

Hoffentlich bist Du nun gut vorbereitet, um die verschiedenen Präsentationen, die Du dieses Semester über Dich ergehen lassen musst, durchzustehen. Denk dran, immer tief durchatmen und das Notfallpaket mit der Betäubungsspritze unter dem Tisch bereithalten. Und auch wenn Du jetzt gemerkt hast, dass einer (oder vielleicht sogar mehrere?) dieser Referatstypen auf Dich zutreffen sollte – mach Dir nichts draus, sich selbst die Wahrheit einzugestehen ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.