CV of Failures – Ehrliche Lebenläufe als Alternative?

Erfolg und Scheitern: Lebenslauf

Früher oder später kommt jeder in die Verlegenheit einen Lebenslauf zu schreiben – fast immer mit der Absicht sich zu bewerben, sich zu verkaufen. In vielerlei Hinsicht ähneln solche Lebensläufe oder ‚CVs‘ (Curriculum Vitae) gut aufpolierten Facebook oder Instagram Profilen. Das eigene Leben reduziert auf die guten und glänzenden Momente – auf den gemeinsamen Urlaub, auf die krasse Party, auf das gesunde Frühstück am Sonntagmorgen, aber weniger auf das ‚Eingerollt-weinend-im-Bett-kauern‘ weil man verlassen wurde.


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Liegt es etwa an mir?

Liest man öfter die Lebensläufe anderer Menschen, passiert etwas ähnliches, wie wenn man diese optimierten Darstellungen des Lebens anderer auf Facebook durchscrollt: Man wird irgendwie ein bisschen neidisch und fragt sich, was man eigentlich falsch macht. Das Leben der anderen, reduziert auf einen Lebenslauf oder eine Timeline, ist immer besser als das eigene – zumindest besser, als dein eigenes, echtes Leben. Den Vergleich mit dem eigenen Profil, mit dem eigenen Lebenslauf zieht man natürlich selten, auch wenn dieser vielleicht anders ausfallen würde …

Die Nutzung von Facebook ist, aufgrund dieses Mechanismus, einer relativ aktuellen Studie zufolge mit depressiven Symptomen verknüpft. Melanie Stefan, Wissenschaftlerin am California Institute of Technology, vermutet, dass Lebensläufe, die ausschließlich eine „narrative of success“, eine Erfolgsgeschichte, präsentieren, ähnliche Effekte haben könnten.

Es geht auch anders!

Ihr erfrischender Vorschlag ist so genial, wie auch einfach: Wir ergänzen unsere Lebensläufe um die Rückschläge und Probleme, die wir hatten, denn diese sind genauso Teil unserer Entwicklung wie unsere Erfolge. Johannes Haushofer, Professor in Princeton, ist dem Aufruf gefolgt und hat einen „CV of Failures“ veröffentlicht. In diesem berichtet er von abgelehnten Stipendien, fehlgeschlagenen Anträgen und abgelehnten Aufsätzen. Besonders schön: Die Tatsache, dass sein „CV of Failures“ für mehr Aufsehen sorgte, als seine eigene wissenschaftliche Tätigkeit, bezeichnet er als ‚Meta-Failure‘.

Während einige andere schon auf den Zug aufgesprungen sind, stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob diese alternativen Lebensläufe nicht eigentlich auch gutes Selbstmarketing sind. Sind wir ehrlich, abgelehnte Anträge und Paper sind jetzt nicht wirklich ‚Fehlschläge‘ im klassischen Sinne, denn überhaupt den Versuch zu starten, veröffentlicht zu werden, erfordert schon einiges an Arbeit.

Nichtsdestotrotz ist es erfrischend zu sehen und nicht nur zu ahnen, dass auch andere Probleme haben. Es ist gut zu wissen, dass auch die Besten der Besten nicht immer einen absolut geradlinigen Weg gegangen sind. Es ist gut zu wissen, dass Dinge schief gehen können und vielleicht auch müssen.

Welchen Wert hat denn ein perfekt gerader Lebenslauf, wenn man dafür den Preis bezahlt hat, nicht gelebt zu haben? Lernen wir nicht oft auf den Umwegen und an den Hürden, die uns begegnen, die größten und wichtigsten Lektionen im Leben?

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