Auslandssemester in Tampere: Das Insider-Interview

Ein Auslandssemester gehört inzwischen für viele Studenten dazu. Fremde Kulturen sehen, neue Sprachen lernen und natürlich viele Leute aus der ganzen Welt kennenlernen. So verlockend das klingt, so schwierig ist auch die Frage nach dem „Wohin?“. Während manch einer vielleicht schon zu Beginn weiß, wo er sein Auslandssemester verbringen will, sind andere noch unentschlossen. Um euch also bei der Wahl eines Studienortes im Ausland zu unterstützen, wollen wir euch diesmal zeigen was es heißt, mit Erasmus nach Tampere in Finnland zu gehen. Dafür haben wir Franzi befragt, die dort für ein Semester lang studiert hat. Was ihre Erfahrungen sind und ob sie es empfehlen kann nach Tampere zu gehen, lest ihr hier!

Erstmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Erfahrungen mit uns zu teilen! Erzähl mal, was hat dich dazu bewegt, ein Semester im Ausland zu verbringen? Wo hast du studiert und warum hast du dich letztlich für diese Uni entschieden?

Ich habe ein Semester in Tampere in Finnland studiert. Da ich Anglistik studiere, wollte ich natürlich erstmal deswegen ins Ausland. Die richtige Sprachpraxis kommt im Studium neben Literatur und Linguistik etwas zu kurz, finde ich. Deshalb wollte ich unbedingt in ein fremdes Land, dessen Sprache ich nicht spreche und dort dann nur Englisch reden. Aber vor allem habe ich mich für ein Auslandssemester entschieden, weil ich eine neue Herausforderung gesucht habe. Ich lerne gerne neue Menschen, fremde Länder und neue Kulturen kennen; ich bin alles in allem sehr offen und kontaktfreudig. Trotzdem ist es nicht leicht, sich ganz allein in einer völlig neuen Umgebung zurechtzufinden. Wenn man sich aber traut und es schafft, dann kann man stolz auf sich sein. Und nebenbei sammelt man coole Erfahrungen und findet im besten Fall Freunde fürs Leben.

Wie hast du dich bei deiner Ankunft gefühlt? War es überwältigend oder hast du die bevorstehende Zeit als aufregend empfunden?

Am ersten Abend in meinem neuen Zimmer im Wohnheim stand ich am Fenster und war kurz vorm Weinen. Nachdem ich zusammen mit meinem Studententutor den ganzen organisatorischen Kram geregelt hatte und auch schon ein bisschen was von Tampere gesehen hatte, war ich dann abends plötzlich allein. Mein Zimmer war ziemlich kahl, ich hatte nur meine paar Sachen dabei und die waren auch schnell eingeräumt. Meine Mitbewohnerin war noch nicht da und es war ziemlich still. Da dachte ich nur „Oh Gott. Wieso wollte ich das nochmal unbedingt machen?“ Ich dachte an meine Eltern und Freunde, an mein bekanntes Bett zuhause – es war ja kurz vor Weihnachten und Silvester. Das war also erstmal total überwältigend. Aber sobald dann meine Mitbewohnerin da war und wir uns sofort super verstanden, war dieses Gefühl wieder komplett vergessen. Dann habe ich habe mich einfach auf den nächsten Tag gefreut.

Hat sich der neue Ort sehr von deinem Zuhause unterschieden?

Naja, ich habe in Mannheim in einer privaten WG gewohnt. Das ist etwas gemütlicher als im Wohnheim, aber daran gewöhnt man sich schnell. Hat man sich erstmal eingerichtet, ist es fast wie zuhause.
Tampere unterscheidet sich so erstmal nicht sehr von Mannheim. Es war etwas kälter und doch ziemlich lange dunkel. Im Januar ging die Sonne bereits um halb 4 unter. Aber trotz der Kälte und der Dunkelheit sind sehr viele Menschen draußen unterwegs, ob zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad – selbst bei -20 Grad. Sie packen sich dann halt dick ein. Ich glaube, das macht auch die Mentalität der Finnen aus. Sie sind sehr aktiv und das bei jedem Wetter.

Gab es Sprachbarrieren? In welcher Sprache fand der Unterricht statt?

Nein, Sprachbarrieren gab es nicht, wie ich finde. Die Finnen sprechen sehr gutes Englisch und der Unterricht war auch komplett auf Englisch. Auch mit den meisten anderen Austauschstudenten konnte man sich auf Englisch mehr als gut unterhalten.

Inwiefern unterschied sich die neue Uni von der zu Hause? Wie waren die Kurse & Vorlesungen dort im Vergleich zu Zuhause? Wie waren die Professoren und Kommilitonen?

Die Uni in Tampere ist sehr modern, ähnlich wie zuhause. Das Mensaessen war aber viel besser und auch günstiger. Ich hatte fast nur kleine Kurse, eher Seminare. Die Stimmung ist eine etwas andere als ich gewohnt bin. Dozenten und Studenten sind mehr auf Augenhöhe, die Seminare gleichen Diskussionsrunden. Man bereitet sich vor, liest Texte und dann tauscht man sich aus. Auch auf Präsentationen, mehrere kurze Essays und Kurse, die komplett von Studenten gehalten werden, wird mehr Wert gelegt.
Die finnischen Kommilitonen sind sehr nett und diskussionsfreudig, aber auch zurückhaltend. Es dauert eine Weile bis sie sich öffnen. Im Unterricht, wenn sie etwas zu sagen, ist es meistens besser. Im Zwischenmenschlichen aber ist es schwer an sie ranzukommen. Das ist natürlich nicht bei allen so, ich habe einige Finnen kennengelernt, weil sie auf mich zugekommen sind. Der Gesamteindruck ist aber doch eher schüchtern.

Was studierst du und in welchem Semester befindest du dich? Konntest du an deiner Gastuni gute Kurse finden und konntest du dafür Punkte an deiner Uni bekommen?

Ich studiere Anglistik und Medien- und Kommunikationswissenschaft im 5. Semester. Das Kursangebot an der Uni in Tampere war recht groß, sowohl bei den Englischkursen, als auch was englischsprachige Kurse in anderen Fakultäten angeht. Ich habe drei Englischkurse belegt, einen Medienkurs und einen Finnish Survival Kurs. Ich werde voraussichtlich für alle Kurse außer dem Finnisch-Kurs Punkte bekommen.


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Was hast du in deiner Freizeit gemacht? War der Unialltag sehr anstrengend oder eher entspannt?

Der Unialltag war vergleichbar mit dem in Mannheim. Das Pensum ist in etwas dasselbe, auch wenn die finalen Hausarbeiten etwas kürzer ausfallen. Dafür muss man unter dem Semester den ein oder anderen Essay abgeben. Es ist also definitiv zu packen.
In meiner Freizeit hatte ich genug Zeit für Sport, es gab auch ein Angebot für Studenten. Man hat zu Beginn des Semesters 46 Euro bezahlt und konnte dann das Kursangebot sowie das Gym nutzen, so oft man wollte. Ansonsten gibt es viele coole Freizeitaktivitäten in Tampere. Die Stadt selbst natürlich erkunden, Bars, Clubs. Aber am besten war die Sauna. Tampere ist die Saunahauptstadt Finnlands, nirgends gibt es so viele öffentliche Saunen wie dort. Für ein paar Euro kann man so lange man will schwitzen und danach im See baden. Das ist wahnsinnig entspannend.

Wolltest du im Ausland ein Party-Semester verbringen, neue Kulturen entdecken, eine neue Sprache lernen,…? Erzähl uns mehr!

Ich denke es war das Gesamtpaket. Man lernt eine neue Kultur, eine neue Stadt kennen und das ohne Zeitdruck, weil man ja ein halbes Jahr Zeit hat. Ich hatte die Möglichkeit für wenig Geld mit meinen Freunden nach Lappland, Schweden und Russland zu reisen und habe nebenher weiter studiert. Es war einfach eine Herausforderung, die natürlich nicht immer einfach war, aber allein zurechtzukommen härtet ab. Und ich habe jede Menge Dinge mal wieder zum ersten Mal gemacht. Zum Beispiel ein Bier auf Finnisch in einer finnischen Bar bestellt. Ist doch cool!

Um mal ehrlich zu sein… viele Studenten nutzen so ein Auslandssemester gerne, um viel auszugehen. Wie war das bei dir so? Was waren die besten Orte zum Party-machen in deiner Gaststadt?

Naja, Finnland ist nicht gerade billig. Da musste man sich schon Gedanken machen, wo man hingeht. Es gibt viele Studentenkneipen, die Rabatte anbieten, wenn du deinen Studentenausweis vorzeigst. Wir haben also meistens solche Plätze rausgesucht. Ansonsten gibt es natürlich viele Clubs in Tampere und in den Social Networks wurde jede Woche mindestens eine Party für Studenten vorgeschlagen. Möglichkeiten gab es also genug.

Erzähl uns etwas über die anderen Erasmus-Studenten. Hast du viele Leute aus verschiedenen Ländern kennengelernt oder waren auch einige deutsche Studenten mit im Ausland?

Frankreich, Italien, Belgien, Brasilien, Malta, Dänemark, USA, Russland, Spanien, China, Japan – um nur ein paar zu nennen. Es waren wirklich viele verschiedene Nationalitäten dabei. Meine Mitbewohnerin war aus Frankreich und tatsächlich wurde mir gesagt, dass im Frühjahr viele Franzosen ins Ausland gehen. Im Wintersemester sind es dann die Deutschen, die man überall trifft. Aber es war wirklich eine bunte Mischung, niemand hat sich wirklich mal in mehr als zwei Sätzen in seiner Muttersprache ausgetauscht. Genauso wie ich, denn ja, ich habe auch drei, vier Deutsche bzw. Österreicher oder Schweizer kennengelernt.

Mal zu einem etwas weniger aufregendem Thema: Bist du mit ERASMUS ins Ausland gegangen? Hast du ein Stipendium erhalten und hat das zum Leben gereicht? War das alles sehr einfach oder musstest du dich mit viel Papierkram rumschlagen?

Ja, ich bin mit Erasmus ins Ausland. Je nach Land bekommt man einen anderen Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Da nordische Länder recht teuer sind, habe ich 400 Euro zum Leben bekommen. Das reicht eigentlich ganz gut, da die Mietpreise ähnlich wie in Deutschland sind.
Es war viel Papierkram, man muss sehr viel nachweisen. Also nicht nur was Kurse und Uni angeht, das ging ganz gut. Um das Geld überhaupt zu bekommen, muss einiges eingereicht werden.
Es kann auch etwas dauern, bis das Geld überwiesen ist. Man bekommt zwei Raten, die erste für die ersten fünf Monate und die zweite im letzten Monat. Bis ich die erste Rate überwiesen bekam, war Mitte Februar. Aber gerade im ersten Monat muss man viel bezahlen. Uni, Beiträge und auch etwas Einrichtung für das Zimmer im Wohnheim. Das war schon recht teuer. Lebensmittel sind generell ja teurer als bei uns, aber da gibt es auch für Studenten nochmal extra Preise. Also ja, man muss viel Papierkram erledigen. Ganz oft kamen auch Dokumente zurück, weil eine Zeile nicht ausgefüllt war. Aber es lohnt sich. Wenn man sich durch den Papierkram erstmal durchgearbeitet hat, wird man wirklich gut unterstützt.

Was war deine beste, was deine schlechteste Auslandserfahrung?

Die beste war wohl unser Trip nach Lappland. Wir waren jeden Tag in einer klassisch finnischen Sauna, waren im Arktischen Meer schwimmen und haben Ski- und Schneeschuhtouren im Tiefschnee gemacht. Es war wirklich toll. Allgemein haben mir meine Reisen sehr gut gefallen, auch nach Helsinki, Tallinn und Norwegen.
Eine richtig schlechte Erfahrung habe ich so eigentlich nicht gemacht. Ich hatte einen Tag zu Beginn, der nicht so gut war. Die ersten zwei vollgestopften Wochen waren vorbei, der Unialltag fing so richtig an und ich hatte mir eine Erkältung eingefangen. Da ging es mir am ersten Tag der Erkältung ziemlich schlecht, ich hatte Heimweh und wollte einfach nur nach Hause in mein Bett. Ich glaube, ich habe auch gegoogelt „Was man bei einem frühzeitigen Abbruch des Auslandssemesters beachten sollte“. Das Gefühl war am nächsten Tag aber schon wieder verflogen und ich musste über mich selbst lachen. Danach gab es so einen Tag nie wieder.

In Tampere in Finnland ist es kälter als in Europa. Es fällt mehr Schnee und die Temperaturen sind teilweise bei -20 Grad.

Hast du irgendwelche Tipps für Studenten, die später auch mal ins Ausland wollen?

Man sollte sich fragen, ob man das tut, weil man es wirklich möchte oder weil das alle anderen tun und sagen „Das muss man schon einmal im Leben gemacht haben.“ Wenn man sich dann sicher ist, dass man es aus den richtigen Gründen tut, dann sollte man sich einfach trauen. Es lohnt sich!

Und zum Abschluss: Würdest du jetzt immer noch die gleiche Wahl treffen? Ins Ausland gehen, gleiches Land, gleiche Uni?

Definitiv. Mein Auslandssemester in Finnland war wirklich eine tolle Erfahrung. Das Land, die Stadt und die Kultur waren sehr aufregend. Ich habe mich wohl gefühlt, an der Uni und auch im Wohnheim. Also ja, ich würde das alles nochmal genauso machen.

Mehr?  Auslandssemester in Südkorea - Das Insider-Interview